Autoren-Osterkalender 2018

Das besondere Osterei

 

Lächelnd verschloss ich das überdimensionale Osterei. Kaum konnte ich den Blick meiner Familie erwarten, wenn sie es öffneten. So wie dieses Ei das größere war, sollte es auch die größere Überraschung enthalten. Trotzdem freute ich mich nicht minder über seinen kleinen Zwilling, der eine weitere große Überraschung für meine Familie enthielt. Aber noch musste ich mich gedulden. Heute war erstmal sein Tag. Heute sollte er erfahren, was ich schon seit wenigen Tagen wusste. Das geheim zu halten war gar nicht so einfach gewesen. Schließlich hatte er mir das Geschenk, das das kleinere Ei enthielt noch viel früher gemacht…

Wie oft hatten Freunde und Familie Mutmaßungen angestellt, ich könnte Teil seiner Familie sein, oder zumindest auf dem besten Wege, ein Teil davon zu werden. Auf beiden Seiten des Ozeans kochte die Gerüchteküche und jeder malte sich die Welt so, wie er sie gerne sehen wollte. Ich hatte mich stets bemüht den Überblick zu behalten und jedem nichts als die Wahrheit zu sagen, ganz gleich wie gut oder schlecht das in sein jeweiliges Bild von mir passte. Für mich war das alles immer so schön logisch gewesen, hatte lückenlos zusammengepasst. Ganz gleich, was alle gesagt hatten. Und jetzt stand ich da, allein vor einem riesengroßen Scherbenhaufen und dem größten Glück der Erde und wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Vielleicht war lachen dann doch die bessere alternative. Schließlich würde bald Ostern sein und vorher wäre sogar noch ein viel besondererer Tag: Der Tag, an dem ich dem Mann, dessen Antwort auf die Frage aller Fragen ich schon länger kannte, sagen würde, was mich hier gerade so vollkommen aus der Fassung brachte.

Jetzt siegte endgültig das Lachen und doch traten mir Freudentränen in die Augen. Zu schön war die Erinnerung an das Strahlen in den Augen bei der Antwort auf die Frage aller Fragen. Eine schönere Antwort als diese zwei Zeichen konnte es auf keine Frage der Welt geben. Eine Antwort, die meinen weiteren Weg bestimmt hatte und ohne die ich mich jetzt nicht in diesem Ausnahmezustand befinden würde.

Es war seine Schuld und doch konnte ich ihm nicht böse drum sein, schließlich gehörten immer zwei dazu und so langsam gewöhnte ich mich an den Gedanken, dass meine junge Feuerwehrkarriere damit nun in Scherben lag. Und bringen Scherben nicht auch Glück. Wieder musste ich schmunzeln. Er hatte es wirklich geschafft, mich bis zur Perfektion zu lehren immer in allem das Positive zu sehen.

Schnell schob ich den Gedanken an die Feuerwehr beiseite. Es war schade, jetzt ein Jahr pausieren zu müssen und wahrscheinlich würde ich diesen Rückstand meiner Ausbildung nie wieder aufholen können, aber jetzt musste ich mich auf andere Dinge konzentrieren. Ändern konnte ich sowieso nichts mehr. Und selbst wenn ich es könnte – Ich würde es nicht wollen. Das was war, war das größte Geschenk, das man sich nur vorstellen konnte.

Ich wischte meine Tränen weg. Ich wusste, dass er mich nicht gerne weinen sah – auch nicht vor Freude. Einen Augenblick überlegte ich, mich zu schminken, aber nein, früher hatte ich mich immer geschminkt wenn wir uns trafen, doch mittlerweile kannte er mich längst ungeschminkt. Ich zog eine Jeans an und das helle Oberteil, das er so gerne mochte, machte mir die gleiche Frisur wie damals an dem Tag, an dem ich ihm gesagt hatte, dass ich ihn liebe und steckte mir den Ring wieder an, den ich niemals vom Finger geben würde. Es war sein Ring mit dem wunderschönen kleinen blauen Stein. Allein der Gedanke daran ließ mein Herz schneller schlagen. Es war ein Versprechen, dass uns verband. Ein Versprechen, dass keiner mehr zu trennen vermochte.

Ich sah auf die Uhr. Noch genug Zeit um gemütlich zur Bahn zu laufen. Ich zog meine blaue Winterjacke an, und schnappte mir meine Handtasche. Kurz überlegte ich meinen Piepser zu Hause zu lassen, entschied mich dann aber dagegen. Ich hatte mir in den vergangenen Wochen so oft darüber Gedanken gemacht, ob ich ihn heute mitnehmen würde, oder nicht. Eigentlich war die Antwort nun, mit der freudigen Nachricht, die ich für ihn hatte, klar, aber wenn ich ohne den Piepser am Gürtel bei ihm auftauchen würde, wüsste er sofort, dass irgendetwas anders war. Ich machte schließlich nicht einen Schritt ohne meinen Piepser. Trotzdem würde ich ihn später ausmachen. Dieser Moment würde nur uns gehören.

Auf dem Weg zu ihm schweiften meine Gedanken immer wieder zu den beiden Ostereiern und den Geheimnissen, die sie enthielten. Ich fragte mich, wie meine Familie darauf reagieren würde. Über seine Reaktion wollte ich mir lieber keine Gedanken machen, denn das hätte mich nur noch nervöser gemacht. Und egal was ich vielleicht vermuten würde, seine Reaktion würde so oder so ganz anders ausfallen.

Aber auch die Reaktionen meiner Familie konnte ich überhaupt nicht abschätzen. Was würden sie sagen, wenn sie von dem Versprechen erfuhren, welches wir einander gegeben hatten und erst recht: Was würden sie sagen, wenn sie das zweite Osterei fänden, das einen ganz anderen „Schlüpftag“ enthielt, als diesen Ostersonntag, an dem sie es finden würden.

Mein Bruder würde wahrscheinlich grinsen. Schließlich hatte er schon vor einem halben Jahr geahnt, dass da was sein könnte, auch wenn damals tatsächlich noch nicht dran zu denken war. Auch jetzt war nichts geplant gewesen, aber irgendwann war es einfach ein Ding der Unmöglichkeit geworden, bei so viel Handsomeness noch dagegenzuhalten. Auch ich musste grinsen, als ich mir die Reaktion des jüngsten in der Familie vorstellte. Damit, das Ostern dieses Jahr bedeuten würde, dass er nicht mehr lange der Kleinste war, hatte er sicher auch nicht gerechnet.

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