Autoren-Adventskalender 2017

Frohe Weihnacht allerseits

 

Endlich stand Weihnachten vor der Tür! Sehsüchtig hatten Jacob und seine Zwillingsschwester Robyn auf dieses Fest gewartet. Dieses Jahr sollte es etwas ganz besonderes werden. Selbst die Großeltern Timothy und Audrey waren aus Dartmouth gekommen. Jacob und Robyn konnten sich kaum daran erinnern, wann sie den kanadischen Teil der Familie zum letzten Mal gesehen hatten. Fünf Jahre war es bestimmt her, dass sie das letzte Mal in Nova Scotia gewesen waren. Umso größer war die Freude gewesen, als ihre Eltern ihnen am ersten Advent erzählt hatten, dass sie Weihnachten dieses Jahr mit den kanadischen Großeltern feiern würden. Gestern hatte Papa Jake seine Eltern vom Flughafen Frankfurt abgeholt und nun saßen sie alle zusammen in der Küche und unterhielten sich ausgelassen, während Mama Daniela noch die letzten Kerzen im Wohnzimmer anzündete und die Geschenke unter den Weihnachtsbaum legte. Eigentlich hatten sie inzwischen auf LED-Kerzen oder Lichterketten am Weihnachtsbaum umgestellt, aber für Oma und Opa wollten sie noch einmal so feiern, wie damals beim ersten gemeinsamen Weihnachtsfest in Deutschland, an welchem Jake und Daniela ihre Verlobung bekannt gegeben hatten. Natürlich stand dann auch in diesem Jahr wieder ein Eimer voll Wasser neben dem Weihnachtsbaum, um sofort löschen zu können, sollte der Baum Feuer fangen.

Auf dem großen Esstisch hatte sie eine besondere Überraschung für Oma Audrey und Opa Timothy vorbereitet, die an diesem heiligen Abend ihre goldene Hochzeit feierten: Eine große 50 aus goldenen Teelichten.

Alles war perfekt. Die Teelichter und die Kerzen am Weihnachtsbaum waren angezündet. Auf dem kleinen Couchtisch stand ein großer Teller voll mit Weihnachtsgebäck, das ihre Mutter Wilhelmina selbst gebacken hatte. Jedes Geschenk hatte seinen Platz unter dem Weihnachtsbaum. Daniela lächelte bei dem Gedanken an das Leuchten in den Augen der Kinder, dass sie auch dieses Jahr sicher wieder sehen würde. Besonders gespannt war sie jedoch auf die Reaktion der Schwiegereltern, wenn sie die leuchtende 50 sahen.

Endlich war es soweit. Das Weihnachtsglöckchen ertönte und das bedeutete, dass alle endlich ins Weihnachtszimmer durften, um die Geschenke auszupacken. Die Zwillinge strahlten über das ganze Gesicht, als sie die Geschenke der kanadischen Großeltern auspackten. Die beiden bekamen je ein wunderschönes, kanadisches, ferngesteuertes Feuerwehrauto mit einer Drehleiter und einen Spielzeughelm! Ein schöneres Geschenk hätte es für die Zwillinge nicht geben können! Als sie das letzte Mal in Kanada gewesen waren, hatte Opa Timothy sie mit zur Feuerwehr an seinen ehemaligen Arbeitsplatz genommen. Besonders Jacob hatte sich riesig gefreut, aber auch Robyn teilte fortan seine Begeisterung für die Feuerwehr. Während die beiden Kinder begeistert spielten, unterhielten sich die Erwachsenen über so manche Geschichte aus den letzten Jahren und besonders die vergangen Heim-WM in Deutschland, bei der die Kanadier leider nur Vizemeister geworden waren, sorgte für hitzige Diskussionen zwischen Jake und seinem Vater, bis ihre Frauen sie daran erinnerten, dass es an Weihnachten wohl wichtigeres gab als Eishockey. Es wurden Kekse gegessen, Lieder gesungen, und viel gelacht, bis plötzlich ein lautes Krachen aller Fröhlichkeit ein jähes Ende setzte. Ohne jede Vorwarnung war der schön geschmückte Weihnachtsbaum mitten auf den Esstisch gestürzt. Oma Wilhelmina, die am dichtesten am Geschehen saß, sprang auf und noch ehe die restliche Familie wie aus einem Mund „Noooooooo!“ rufen konnte, schüttete sie den Eimer Wasser auf den gerade zu brennen beginnenden Weihnachtsbaum. Augenblicklich schoss eine Stichflamme an die Decke. Timothy, als erfahrener Feuerwehrmann, handelte sofort. „Raus! SOFORT!“

Er wusste, dass jetzt nichts mehr zu machen war. Feuerwehr rufen und das war‘s. Hätte Oma Wilhelmina nicht versucht mit Wasser zu löschen, hätten sie noch versuchen können, den Brand mit einer Decke zu ersticken, doch so war der Brand schon zu groß, um ihm noch alleine Herr zu werden. Während Daniela die Feuerwehr rief, versuchen Jake und Timothy die Kinder zu beruhigen und Oma Audrey schüttelte einfach nur ungläubig den Kopf. SO hatte sie sich ihre goldene Hochzeit ganz sicher nicht vorgestellt.

Keine sieben Minuten waren vergangen, als die Feuerwehr eintraf. Der Familie, die unruhig vor ihrem Haus stand, erschien es wie eine Ewigkeit. Jacob und Robyn trugen noch immer ihre Feuerwehrhelme und Robyn hatte es auch geschafft ihr Feuerwehrauto zu retten.

Schon kurze Zeit später stand fest, dass hier kein Weihnachten mehr würde gefeiert werden können. Robyn begann zu weinen. Es war doch ihr Zuhause. Ihr wunderschönes, kanadisches Haus, das genau so aussah, wie Oma Audreys rotes Haus drüben in Dartmouth!

Als die junge Feuerwehrfrau Mina, die sich um die Familie kümmern und vor allem aufpassen sollte, dass keiner zurück zum Haus lief, die beiden Kinder mit ihren Feuerwehrhelmen sah, kam ihr eine Idee. Sie wollte die Kinder davon ablenken, dass die Flammen sicherlich vieles vernichtet hatten, was ihnen lieb war und dafür sorgen, dass sie nicht noch mehr von dem Einsatz mitbekamen als ohnehin schon. Sie wollte ihnen trotz allem noch ein schönes Weihnachtsfest bescheren.

Auch wenn sie wusste, dass sie das eigentlich nicht durfte, entferne sie sich einige Schritte von der Familie, um heimlich über Funk anzufragen, ob sich ihr Plan umsetzen ließ, auch wenn sie wusste, dass das für sie Konsequenzen haben konnte und sie den Funk im Einsatz ganz sicher nicht für irgendetwas anderes als unmittelbar einsatzbezogene Funkmeldungen nutzen sollte.

Die Anderen waren begeistert. Keine zehn Minuten später fuhren zwei weitere Feuerwehrleute mit dem Gerätewagen der Feuerwehr und einem normalen Auto an der Einsatzstelle vor. Mina wurde von einem der beiden abgelöst und fuhr mit den Kindern und Daniela zum Gerätehaus. Der Rest der Familie folgte in dem anderen Auto.

Dort angekommen trauten Jacob und Robyn ihren Augen kaum. Im Sozialraum der Freiwilligen Feuerwehr stand ein großer Weihnachtsbaum, unter dem wunderschön verpackte Geschenke lagen. Auf Tischen standen Kerzen und Plätzchen und ein wundervoller Zimtduft lag in der Luft.

Dass die Geschenke gar nicht für sie bestimmt waren und alles nur so weihnachtlich war, weil einige der Feuerwehrleute gemeinsam hier hatten feiern wollen, kam den Kindern nicht in den Sinn und es war auch egal. Für einen Moment war das eigene Haus vergessen. Mina lächelte, als sie die leuchtenden Kinderaugen sah. Vor ihren Kameraden waren zwar die meisten jetzt draußen und kämpften gegen die Flammen im Haus der Kinder, doch die, die noch da waren, bemühten sich, den Kindern ein schönes Fest zu bieten. Die ganze Familie setze sich zu den Feuerwehrleuten an den Tisch, tranken Kinderpunsch und aßen Plätzchen. Natürlich konnten die Erwachsenen nicht einfach vergessen, was zu Hause passierte, doch den Kindern zuliebe ließen sie sich nichts anmerken. Als dann jedoch auch noch einer der Feuerwehrleute aus der Alterswehr als Weihnachtsmann den Raum betrat und Jacob und Robyn echte alte Feuerwehrhelme schenkte, kehrte auch in die Gesichter der Erwachsenen für einen Moment ein Strahlen zurück. Sie würden sicherlich vieles verloren haben, aber dieses Weihnachten war trotzdem noch etwas ganz besonderes geworden. Menschen, die sie nicht kannten, hatten sie eingeladen mit ihnen zu feiern. So hatten sie ihnen trotz des Brandes den Zauber von Weihnachten zurückgebracht.

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